Bucherscheinungen

„WOHIN SOLLEN WIR GEHEN?“ ERINNERUNGEN DES PASTORS UND BISCHOFS HEINRICH RATHKE

von Bernd Preiß, Bubenreuther Erlangen (1992)

 

 

„Meine Herren, ich gedenke unsere kirchlichen Angelegenheiten ohne ihre Mitarbeit zu regeln.“ Mit diesen Worten ließ Heinrich Rathke zwei Stasi-Leute abblitzen, die ihm kurz vor seinem Amtsantritt als mecklenburgischer Landesbischof 1971 eine Zusammenarbeit vorschlugen. Damit war das Verhältnis Rathkes zur DDR-Staatssicherheit klar. Nach der Wende sollte sich herausstellen, dass auf seine Familie weit über 100 Stasi-Spitzel angesetzt waren. Im Herbst 2014 ist Rathkes 200-seitige illustrierte Autobiografie „Wohin sollen wir gehen?“ erschienen. Die Erinnerungen gehen über das Biografische hinaus und beschreiben die kirchliche und politische Situation in der DDR von den 1950er Jahren bis zur Umbruchszeit nach der deutschen Wiedervereinigung. Das Buch enthält auch bisher nicht dokumentierte Erinnerungen Rathkes sowie Wort- und Sacherklärungen zu 70 Begriffen aus Kirche, Politik und Gesellschaft.
Heinrich Rathke wurde 1928 im mecklenburgischen Mölln geboren. Nach seiner Entlassung aus englischer Kriegsgefangenschaft machte er in Lübeck Abitur und absolvierte in Kiel, Erlangen, wo er der Burschenschaft der Bubenreuther beitrat, und Tübingen sein Theologiestudium. Wegen des Pastorenmangels in der DDR ging Rathke 1953 nach Ostdeutschland. Es war die Zeit nach dem Arbeiteraufstand vom 17. Juni, und Rathke ahnte, worauf er sich einließ. Einem Bundesbruder schrieb er einen „letzten Brief aus dem Westen und der Freiheit“.
Nach seiner Bischofszeit von 1971 bis 1984 – er war zwar auf Lebenszeit gewählt worden, bestand aber darauf, wieder ein Pfarramt zu übernehmen, weil er stets für die zeitliche Begrenzung kirchlicher Ämter eingetreten sei und sich davon nicht ausnehmen wolle – wurde Rathke wieder Gemeindepastor. Im Ruhestand kümmerte er sich in besonderer Weise um die russlanddeutschen Gemeinden in Mittelasien. Im Rahmen dieser Arbeit war er von 1991 bis 1994 Bischöflicher Visitator von Kasachstan (vgl. academicus Ausg. 2, 1997, S. 24ff.). Heute lebt er in Schwerin. Bp

Heinrich Rathke, „Wohin sollen wir gehen?“ Der Weg der ­Evangelischen Kirche in Mecklenburg im 20. Jahrhundert. Erinnerungen eines Pastors und Bischofs und die Kämpfe mit dem Staat. Lutherische Verlagsge­sellschaft, Kiel 2014

FOTOBAND BISMARCKTÜRME

von Michael Hacker, Alemannia Bonn (1986)

 

 

Alfred Büllesbach ist Fotograf, der auch schon mehrere Bildbände (zum Beispiel über das Siebengebirge) herausgebracht hat. Seine Recherche über den Bismarckturm in Sargenroth/Hunsrück ließ ihn auf die Homepage von Jörg Bielefeld stoßen.
Jörg Bielefeld betreibt schon seit Jahren die Homepage www.bismarcktuerme.de, die rund um die (Vor-)Geschichte und die gebauten, zerstörten und erhaltenen  Bismarcksäulen und -türme alles Wissenswerte enthält. Beide zusammen haben nun einen sehr informativen und sehr ansprechend gestalteten Bildband herausgebracht. Der Text beschäftigt sich mit Historie, Bau und Gestaltung, Bismarckkult und Wiederentdeckung der Bismarcktürme sowie einer Reihe einzelner Bis­marcktürme. Illustriert wird das Ganz durch Reproduktionen von Postkarten, alten Fotos aber vor allem auch herausragenden aktuellen Aufnahmen von Büllesbach. Die Bismarcktürme in der Landschaft oder der Blick von ihnen in die Landschaft sind eine Augenweide. Komplettiert wird das Ganze durch ein Ortsregister aller Bismarcktürme in Deutschland und die Liste der nicht mehr existierenden Türme im In- und Ausland.
Urteil: für an den Bismarcktürmen Interessierte und Freunde schöner Fotografien ein unbedingtes Muss!

Jörg Bielefeld und Alfred Büllesbach: „Bismarcktürme – Architektur – Geschichte – Landschaftserlebnis“, Morisel-Verlag November 2014, 180 Seiten mit 240 Abbildungen Hardcover, 27,5 cm x 21,5 cm, ISBN: 978-3-943915-08-2, EUR 28,00

FUXENSTUNDE — HANDBUCH DES DEUTSCHEN KORPORATIONSSTUDENTENTUMS

 

von Michael Hacker, Alemannia Bonn (1986)

 

Das im Oktober 2014 erschienene Taschenbuch soll als Nachschlagewerk sowie Leitfaden für den Fuchsmajor (Fuxmajor, Fuchsenkränzchenleiter) und zur Fuchsenausbildung dienen. Das inhaltliche Spektrum reicht von Öffentlichkeits- und Keilarbeit über Studenten- und Verbandsgeschichte und die üblichen Themen wie Prinzipien, studentisches Brauchtum bis zur Landeskunde Deutschland, Schweiz und Österreich. Da beide Autoren dem CV angehören, sind Darstellung, Brauch und Begrifflichkeiten eher katholisch geprägt, was aber nicht bedeutet, dass Waffenstudenten/Burschenschafter das Buch nicht erwerben sollten oder einsetzen könnten.
Positiv hervorzuheben sind die Darstellungen zur (Korporations-,) Studenten- und Hochschulgeschichte und den einzelnen Verbänden (mit Wappen). Ebenfalls werden die studentischen Organisationen, einschließlich der im nichtdeutschsprachigen Ausland, vorgestellt. Wenn der gesamte Inhalt tatsächlich in Fuchsenstunden vermittelt würde, könnte von einem sehr guten Bildungsstand der angehenden Burschen ausgegangen werden; die Wirklichkeit wird sich sicher mit weniger zufriedengeben (müssen).
Verbesserungsbedürftig sind die kleine Schriftgröße (dafür wäre ein kleinerer Rand möglich), die nicht immer gute Lesbarkeit auf farbigem Untergrund sowie einige nicht praktikable bzw. nicht mehr zeitgemäße Vorschläge (Keilen mit Plakaten, Keilen in Schulen ist zumindest in NRW nicht zulässig; Antwort-Postkarten; Vollcouleur nur zum Anzug) und einige kleinere sachliche Fehler (F. L. Jahn war kein Burschenschafter; die aktuelle Auflage des Allgemeinen Deutschen Kommersbuches war auch bei Drucklegung die 166. aus 2013, nicht die 165. aus 2008; Herkunft des Wortes Komment von commentare statt von comment = frz. für wie; Einführung der Bestimmungsmensur wegen der geringeren Verletzungsgefahr statt zur Verringerung der Rempelpartien). Wertvoll sind vor allem die zahlreichen Links und vielen kleinen Tipps. Vermisst habe ich aber eine Aufstellung der Anreden von verschiedenen Verbindungen und ihren Mitgliedern. Für die nächste Auflage wäre vielleicht auch eine CD sinnvoll, durch die Teile der Informationen in die eigenen Fuchsenleitfäden integriert werden könnten.
Insgesamt ist das Buch aber der anvisierten Leserschaft (Füchse, Fuchsmajor, Alte Herren) zu empfehlen und vor allem hilfreich als Ideengeber und Nachschlagewerk. Die bisweilen abweichenden Bräuche führen vielleicht zum Hinterfragen der Praxis in der eigenen Verbindung.
Eine Übernahme als Leitfaden für die eigenen Fuchsenstunden ohne Anpassung an die eigenen Verhältnisse, den eigenen Komment/Benimm, sollte kein Fuchsmajor anstreben. Das Buch ist daher immer nur Hilfsmittel.
Abschließend sei den beiden Autoren Dank gesagt für ihre deutliche Darstellung der Straftaten linksextremer Korporationsgegner und den daran inhaltlich anschließenden Beitrag von Forsthuber „Mit Molotows für den Weltfrieden“.

Bernhard Grün und Christoph Vogel „Fuxenstunde – Handbuch des Korporationsstudententums“, Bad Buchau 1. Auflage 2014, Taschenbuch 410 Seiten, ISBN-Nr. 978 3-925171-92-5, EUR 14,80

FRIEDRICH PHILIPPI. ARCHIVAR, HISTORIKER UND BONNER ALEMANNE

von Michael Hacker, Alemannia Bonn (1986)

Der Familienname Philippi ist in der Burschenschaft Alemannia zu Bonn sehr bekannt, auch wenn derzeit kein Lebender der Familie zu ihren Mitgliedern gehört. Unter dem Titel „Friedrich Philippi – Historiker und Archivar in wilhelminischer Zeit“ hat nun Prof. Dr. Wilfried Reininghaus, einer seiner Nachfolger im Vorsitz der Historischen Kommission für Westfalen, Philippis Biographie veröffentlicht. Herausgekommen ist ein Werk, das sich in vier größeren Abschnitten mit Philippis Leben (Herkunft, Familie, Laufbahn und Ehrenämter), seiner Tätigkeit als Archivar (zuletzt als Geheimer Archivrat und Leiter des preußischen Staatsarchivs in Münster, dem Vorgänger des Landesarchivs) sowie dem Historiker und dem Hochschullehrer Philippi (als ordentlicher Honorarprofessor der Universität Münster) beschäftigt.
Gustav Friedrich Dettmar Philippi wurde am 14. Juli 1853 in Elberfeld als jüngster Sohn des Landgerichtspräsidenten und späteren nationalliberalen Reichstagsabgeordneten Johann Friedrich Hector Philippi (1802–1880) geboren. Sein Großvater hatte mit seiner christlichen Taufe seinen jüdischen Namen in Philippi geändert. Nach dem 1872 abgelegten Abitur in Elberfeld begann Friedrich Philippi 1872 das Studium in Bonn und wurde Alemanne. Sein Studium beschränkte er nicht nur auf die Geschichtswissenschaft, sondern er hörte auch Vorlesungen in Altphilologie oder Archäologie. Nach Studium und Einjährigen-Militärdienst in Halle wurde er 1876 in Bonn promoviert. Seine Dissertation behandelte die Peutingersche Tafel, eine kartographische Darstellung des römischen Straßennetzes.
Nach Examen und Promotion erhielt Philippi probeweise eine Stelle als archivarischer Hilfsarbeiter am preußischen Staatsarchiv in Münster. Nach weiteren Stationen in Berlin und in Stettin wurde Philippi 1888 Leiter des preußischen Staatsarchivs in Osnabrück, was er bis 1897 blieb. 1886 heiratete er seine 15 Jahre jüngere Frau Mathilde.  Das Ehepaar hatte vier Söhne, von denen drei Bonner Alemannen wurden; zwei von ihnen fielen im Ersten Weltkrieg in Frankreich.
1897 kehrte Philippi an seine erste Wirkungsstätte nach Münster zurück, um als Leiter das dortige Staatsarchiv zu übernehmen. 1900 wurde er ordentlicher Honorarprofessor an der Universität Münster.
Philippi erhielt zahlreiche Orden und Ehrungen, u. a. 1923 von der Uni Münster den Dr. iur. h. c. Zu seinem 70. Geburtstag erschien eine Festschrift, die sein Lebenswerk würdigte. 1928 erlitt Philippi einen Schlaganfall, von dem er sich nicht wieder erholte. Am 26. April 1930 verstarb er in Münster und wurde unter großer Anteilnahme auch der (korporierten) Studentenschaft beigesetzt. Die Trauerrede hielt sein alter Freund und Bundesbruder Julius Smend, der ihn bereits getraut hatte.
Philippis Werk ist heute weitgehend vergessen, weil es auch in weiten Teilen überholt ist. Letztlich blieb Philippi der Archivar und Autor der, wenn auch zahlreichen, kleineren Veröffentlichungen. Nachhaltig ist sein Wirken in der Sphragistik (Siegelkunde) und Diplomatik (Urkunden). Aufgrund seiner zeichnerischen Begabung konnte er viele Siegel „nachbilden“ (abzeichnen bzw. Gipsabgüsse herstellen). Außerdem sind seine Beiträge zur Herausgabe der Urkundenbücher (Kaiserurkunden, Siegener Urkundenbuch, Osnabrücker Urkundenbuch) zu erwähnen. Philippi war es, der den sogenannten „Cappenberger Kopf“ zweifelsfrei als Porträtbüste Kaiser Friedrich I. (Barbarossa) identifizierte. Außerdem trieb er als Vorsitzender der Altertumskommission die Grabungen in Haltern zur Auffindung des römischen Lagers und Hafens voran. Die Benennung von Straßen („Philippistraße“) in Münster und Haltern sind Würdigung seines Wirkens.
Das Buch gibt einen guten Einblick in das Leben und das berufliche und ehrenamtliche Wirken von Philippi. Die gute Gliederung wird ergänzt durch ein Werkverzeichnis Philippis, den Abdruck eines Teils des auch zitierten Briefverkehrs, ein Literatur- und Abbildungsverzeichnis sowie Orts- und Personenregister. Zahlreiche Abbildungen (s/w), im Wesentlichen Fotos aus dem Familienarchiv, illustrieren das Buch. Fehlende erläuternde Fußnoten, Tippfehler und Fehler bei korporativen Begriffen und Daten trüben den Lesegenuss nicht.

Wilfried Reininghaus: Friedrich Philippi. Archivar und Historiker in wilhelminischer Zeit – eine Biographie. Erschienen in: Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Westfalen, Neue Folge 15; Veröffentlichungen des Landesarchivs Nordrhein-Westfalen 47, Münster 2014. Preis: 39,- EUR

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erschienen in: academicus 38, Mai 2015